Am feierlichen Anlass zur Enthüllung des Denkmals von Dr. Jakob Robert Steiger (JRS) durfte die Gemeinde Büron am

8. November 2025 zahlreiche Persönlichkeiten und Delegationen begrüssen. Der Festanlass und auch das Stellen der Statue wurden vom Historischen Verein Büron organisiert.

 

Gemeindepräsident Sven Casafina eröffnete feierlich die Veranstaltung. Sie fand im kleinen Rahmen mit ausgewählten Politikerinnen, Politikern und Delegierten statt und erinnerte an das Leben und Wirken von JRS, einem bedeutenden Freiheitskämpfer, Arzt und Politiker der Schweizer Geschichte.

 

Obwohl der Künstler Freddy Röthlisberger, welcher das eindrucksvolle Denkmal geschaffen hat, aus unerwarteten familiären Gründen leider kurzfristig nicht teilnehmen konnte, war sein Werk Mittelpunkt des feierlichen Ereignisses. Eine Delegation aus Mellingen, angeführt von der Gemeindepräsidentin Györgyi Schaeffer, war zu Ehren des Künstlers anwesend. Röthlisberger hat über die Jahre zahlreiche Kunstwerke an die Stadt Mellingen übergeben, welche entlang der Aare sowie im Städtli öffentlich betrachtet werden können.

 

Die musikalische Unterstützung durch die Alphörner verlieh dem Anlass einen besonders feierlichen Charakter. Auch die beiden Ehrendamen trugen wesentlich zur feierlichen Atmosphäre bei. Unter den eingeladenen Gästen befanden sich zahlreiche namhafte Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft, darunter Vertreterinnen und Vertreter aus Stände-, Kantons- und ex. Nationalräte, Delegationen historischer Vereine, Gemeinderäte sowie weitere geladene Gäste. Besonders erwähnenswert war die Anwesenheit der direkten Nachkommen von JRS, Sonja und Simon Schaltegger-Steiger aus Zürich, welche dem Anlass einen zusätzlichen emotionalen Wert verliehen.

 

Eine besondere Bereicherung war die eindrucksvolle Festrede von Pirmin Meier, die mit historischen Hintergründen und spannenden Einblicken das Leben von JRS lebendig machte. Ebenso zu erwähnen ist der Giesser Cornel Hutter, der mit seiner Arbeit wesentlich zum Entstehen des Denkmals beigetragen hat.

 

Die Gäste wurden grösstenteils durch Freddy Röthlisberger und Hans Weltert persönlich eingeladen. Der Apéro wurde grosszügig unterstützt und mehrheitlich gesponsert von Hans Weltert sowie Bernhard Rütter. Ein herzlicher Dank gebührt zudem allen Sponsorinnen und Sponsoren des Denkmals, der Gemeinde Büron sowie dem gesamten Gemeinderat für den wunderbaren Standort und die grosse Unterstützung.

 

Als weiterführende Quellen zur Person Jakob Robert Steiger seien der NZZ-Artikel sowie der Eintrag im Historischen Lexikon der Schweiz (HLS) erwähnt, welche seine Bedeutung für die Schweizer Geschichte vertieft darstellen.

 

 

NZZ Literatur und Kunst                                                                 Samstag, 8. November 2025                                                                             

 

 

Vom Verräter zum Helden der neuen Schweiz

 

Jakob Robert Steiger wurde 1845 zum Tode verurteilt, konnte fliehen  und wurde 1848 erster Nationalratspräsident.       Von Pirmin Meier

              

 

«Wegen politischer Vergehen darf kein Todesurtheil gefällt werden.» Zu diesem Artikel 54 der  Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom  12.September 1848  hatte  der  Luzerner Landarzt Jakob Robert Steiger, der die Verfassung mitgeschrieben hatte, ein existenziel-les Verhältnis: Drei Jahre zuvor hatte ihm das umstrittenste Todesurteil der neueren Schweizer  Geschichte gegolten.

 

Steiger gehörte bis zu seiner Verhaftung am 1.April 1845 zu den Wortführern der radikalliberalen Bewegung, die den Sturz der konservativen Regierung Luzerns beabsichtigte. Am Vortag seiner  Festnahme führte er einen Freischarenzug an, der die Thorenbergbrücke bei Littau erstürmen  wollte. Ziel war die Besetzung der Kantonshauptstadt. Doch das Unterfangen scheiterte an  einer chaotischen Logistik.

 

Die Aufständischen  machten  sich auf die Flucht, der Berner Freischarengeneral und spätere  Bundesrat Ulrich Ochsenbein konnte express per Kutsche entkommen, Steiger wurde an der  Kantonsgrenze  bei  Mosen  am  Hallwilersee mit 13 Mitstreitern verhaftet und im berüchtigten Luzerner Kesselturm eingekerkert.

 

Der Landarzt kam in Einzelhaft, angeblich, weil man ihn vor seinen Mitstreitern schützen wollte. Die Gesetzeslage war von der konservativen Regierung  erst  wenige  Monate  zuvor  verschärft  worden, als Reaktion auf einen Putschversuch vom 8.Dezember 1844. Damals war Steiger nicht direkt beteiligt gewesen, wurde aber als publizistischer Agitator dennoch verhaftet und für 47  Tage eingesperrt.

 

Konspiration verhalf zur Flucht

 

Am 3.Mai 1845 sprach das Luzerner Kriminalgericht Steiger wegen Hochverrats schuldig. Das Urteil  lautete: «Tod durch Erschiessen». Die Bestätigung durch das mehrheitlich von politischen Gegnern besetzte Obergericht erfolgte 14 Tage später.

 

Steigers Verteidiger Kasimir Pfyffer hatte in seinem Plädoyer betont,der gescheiterte Freischärler habe niemanden getötet, sei stets seinem Gewissen gefolgt und habe als hochverdienter Landarzt Unzähligen geholfen. Doch das nützte nichts. Es gab offizielle Bemühungen, sogar von politischen Gegnern, ihn mit der Todesstrafe zu verschonen und da- für zu ewiger Verbannung nach Sardinien zu schicken. Die Legende, Steiger müsse dort als Galeerenhäftling malochen, diente der Beschwichtigung der-jenigen, die ihn unbedingt tot sehen wollten.

 

Seinem Sohn Robert notierte Steiger in der Todeszelle die Mahnung, ein arbeitsames Leben zu  führen, jenseits von Verzärtelung seiner Gesundheit Sorge zu tragen, besonders was das Trinken  betreffe, die Zehn Gebote in Erinnerung zu halten sowie morgens und abends zu Gott zu beten um dasjenige, «was Du nötig hast, und siehe, du wirst es erhalten». 

 

DasTodesurteil sorgte weitherum für Empörung. Luzerner Frauen aus den besten Familien sahen in Steiger einen Volkshelden und liessen den in der Franziskanerkirche festgehaltenen Mit- streitern Lebensmittel zukommen. Historische Bedeutung erlangte deren Aktion in der Bean-spruchung des Petitionsrechts: 338 Bürgerfrauen aus Luzern und noch dazu 435 Dienstmägde verlangten die Begnadigung Steigers. 

 

Im Hinblick auf Frauengeschichte und das Schicksal Steigers bleibt dessen Gattin Sophie, geb. Neumann, aus Freiburg im Breisgau von grosser Bedeutung. Als Arztgattin mit mutmasslicher Ausbildung zur Hebamme gilt sie als Pionierin der Verbreitung neuartiger Textilien in Richtung  Periodenunterwäsche. Wegen Widerstandes gegen die mit der Verurteilung des Revolutionärs verbundene Enteignung  wurde sie in Abwesenheit zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. 

 

In der Nacht auf den 20.Juni 1845 wurde Steiger bei einer spektakulären Aktion von drei seinerBewacher aus dem vermeintlich ausbruchsicheren Ver- lies im Luzerner Kesselturm befreit. Die konspirative Aktion war von Zürich aus organisiert worden. Ein Zürcher Caféwirt hatte den  drei Polizisten Geld vorgeschossen und sich für ihre Einbürgerung in Zürich verbürgt, wenn sie  bei der  Befreiung  mitmachen.  Korporal Birrer, Altwachtmeister Kaufmann und Landjäger  Hofmann riskierten damit ihre Existenz und ihre Heimat, denn die Einbürgerung war trotz dem 

Versprechen keinesfalls garantiert.

 

Rückkehr in die Heimat

 

Der  Einzug  Steigers  in  Zürich  war triumphal:  Zehntausende  bejubelten ihn, unter ihnen  Gottfried Keller mit einem Preisgedicht.  Die folgenden Jahre bis zum Sonderbundskrieg ver-brachte er mit seiner Familie in Winterthur, wo er zeitweilig für die Zeitung «Der Landbote»  arbeitete. Bedeutend wurden seine von dort publizierten «Briefe des Friedens», als der Sonder-bundskrieg absehbar wurde. An seine Landsleute in Luzern appellierte er mit Berufung auf den Friedensvermittler Bruder  Klaus.  

 

Am 27. November 1847 hielt der aus dem Exil Heimgekehrte auf dem Luzerner Theaterplatz  vor einer grossen Volksmenge eine Rede, die heute an die Auftritte Dubceks und Havels in Prag1989 erinnert. War Steiger zur Zeit des ersten liberalen Regimes (1831-1841)Verfassungsrat,    Grossrat, Tagsatzungsgesandter, auch Erziehungsrat, Regierungsrat und Schultheiss, wurden ihm auf Anhieb alle diese Ämter wie- der übertragen.

Ab sofort auch das Amt des Grossratspräsidenten als des höchsten Luzerners, bei gleichzeitiger Wahl in den Regierungsrat und Ernennung zum Tagsatzungsgesandten. 

 

In dieser Eigenschaft wurde Steiger als einziger Luzerner in die historische Verfassungskom-mission  des neuen  Bundesstaats aufgenommen, in der er an der Seite seiner Freunde Ulrich  Ochsenbein und Friedrich Frey-Herosé sowie des Winterthurer Bürgermeisters Jonas Furrer zu den massgeblichen Votanten gehörte. 

 

Der eingangs erwähnte Artikel 54 zur Todesstrafe, die zwar nicht abgeschafft werden konnte, aber fortan «politische Vergehen» ausschloss, ging als «Lex Steiger» in die Geschichte ein. 

 

Im  Kanton  Luzern  war  Steiger massgeblich für die Neuwahlen zuständig,die für den Grossen Rat und dann auch für den Nationalrat an öffentlichen Versammlungen erfolgten, notabene  

unter  polizeilicher  Aufsicht. Die Opposition war weitgehend aus geschlossen. Die neue  Bundesverfassung wurde im Kanton 1848 nur des- wegen angenommen, weil die Nicht-stimmenden nach den Regeln der alten Helvetik zu den Ja-Stimmenden gezählt wurden. 

 

Kämpfer für die ETH 

 

Als anerkannter Volksheld, für dessen Begnadigung einst Tausende von Stimmbürgern mit 

ihrer Unterschrift petitioniert hatten, wurde Steiger mit einem Glanzresultat in den ersten 

Nationalrat der neuen Schweiz gewählt, dessen erste Sitzung aber noch Ochsenbein leitete, bis zu 

dessen Wahl in den Bundesrat. Erster verfassungsmässig für ein Jahr amtierender Nationalratspräsident wurde Jakob Robert Stei-ger. 

 

Ein wichtiges Politikum damals war die Errichtung einer eidgenössischen Universität,  ein  

lebenslanges Anliegen auch von Steigers Luzerner Philosophielehrer Ignaz Paul Vital Troxler. Hier einigte man sich am Ende grundsätzlich auf ein Polytechnikum in Zürich, die spätere ETH.Aber ausgerechnet der einflussreiche und dannzumal mächtigste Politiker Zürichs, der am Eisenbahnbau vorrangig interessierte  Alfred  Escher, wollte  dieses Geschäft noch auf unbestimmteZeit verschieben,  aus  finanziellen  Prioritäten. Es war Steiger, der dieses fundamentale Postu-lat der Bundesstaatsgründung gegen Escher im zerstrittenen Parlament durchsetzen konnte. Bis zu seinem Tode (5.April 1862) gehörte Steiger dem Schulrat des Eidgenössischen Poly-technikums an. 

 

Ein weiterer Aspekt ist Steiger hoch anzurechnen: Als Verfassungsvater stand er lange im Lager der Zentralisten, am Ende setzte er sich dann doch für das Zweikammersystem  ein  mit  einem Ständerat,das den kleinen Kantonen ein stärkeres Gewicht verleiht jenseits rein parteipolitischer Erwägungen. 

 

Drei Jahre nach dem Todesurteil war aus dem politischen Heisssporn ein Staatsmann geworden.

 

Späte Ehrung 

 

In der Gemeinde Büron im Kanton Luzern, wo Steiger in frühen Jahren als Landarzt tätig war und dessen Bürgerrecht er auch besass, wird am Samstag den 8 November 2025 ein Denkmal für den Schweizer Revolutionär und Politiker enthüllt. Die Bronzeskulptur wurde vom Plastiker  Freddy Röthlisberger erschaffen. Damit soll nicht nur der politischen Pionierleistung Steigers ein Denkmal gesetzt werden, sondern auch dessen Verdiensten im Bereich der Botanik, die vor allemim epochalen Werk «Flora des Kantons Luzern» (1860) zum Ausdruck kamen.

Bis anhin wurde die Heldenfigur des Luzerner Freisinns gewürdigt durch Xavier Kollers Filmepos «Der Galgen steiger» (1980) und das preisgekrönte Mundartstück  «Pfäfferwiiber»  (1997) von Franziska Greising.